Ausstellungen 19/01—12/05/2013

Vom Japonismus zu Zen. Paul Klee und der Ferne Osten

Bisher wurde Paul Klees Auseinandersetzung mit fernöstlicher Kunst, die ihn während seines gesamten künstlerischen Schaffens inspirierte, wenig erforscht. In der Ausstellung wird zum ersten Mal versucht, die vielfältigen Aspekte von Klees Beschäftigung mit ostasiatischer Kunst integral darzustellen.

Über den Rahmen des engen, ‹klassischen› Japonismus hinaus lässt sich die Bedeutung der Tuschmalerei und der Kalligrafie hin zum Zen-Buddhismus für Klees Schaffen nachvollziehen. Zudem wird – gleichsam als Kontrapunkt dazu – auch der Klee-Rezeption im heutigen Japan ein besonderes Augenmerk gewidmet.

Paul Klee und der ‹klassische› Japonismus
Der Japonismus war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa eine Modeerscheinung. Dies trifft insbesondere auf Frankreich zu, wo vor allem Künstler des Impressionismus und Postimpressionismus sowie der Gruppe Nabis von japanischer Kunst stark beeinflusst wurden. Der sogenannte ‹klassische› Japonismus erreichte etwa 20 bis 30 Jahre später Deutschland. Der Impuls der japanischen Kunst war dort jedoch nicht so intensiv wie zuvor in Frankreich. Klee begann seine künstlerische Karriere zu der Zeit, als die jungen Künstler in Deutschland allmählich auf die japanischen Quellen aufmerksam wurden. Vor diesem Hintergrund schuf er zwischen 1900 und 1908 einige Werke, in denen die Einflüsse japanischer Farbholzschnitte (Ukiyo-e) sichtbar sind.

Klees bildnerische Umsetzung chinesischer Gedichte
1916 schuf Klee einen Zyklus von ‹Schriftbildern›, sechs Aquarelle, in denen er Gedichte aus dem Band Chinesische Lyrik vom 12. Jahrhundert v. Chr. bis zur Gegenwart illustrierte. Das Buch war Paul und Lily Klee zu Weihnachten 1909 von Alexander und Zina Eliasberg, die damals mit den Klees eng befreundet waren, geschenkt worden. Erst sieben Jahre später, während des Ersten Weltkrieges, wuchs Klees Interesse an China, als ideellem Flucht- und Projektionsfeld für sein künstlerisches Schaffen.

Tuschmalerei
Zwischen 1910 und 1914 beschäftigte sich Klee mit ostasiatischer Tuschmalerei. So bezog er sich in den Aquarellen dieser Jahre auf gewisse Motive, die er in fernöstlichen Bildern gesehen hatte, und verwendete bei der Malarbeit eine der Tuschmalerei vergleichbare Technik. Diese beschrieb er 1910 in seinem Tagebuch mit folgenden Worten: «Aquarelle nass in nass auf wasserbestäubtes Papier. Schnelle nervöse Arbeit mit einem bestimmten Klang, dessen Teile über das Ganze verspritzt.»

Kabuki-Theater
Kabuki ist das traditionelle japanische Prunktheater der Edo-Zeit (1603–1867). Ähnlich wie die europäische Barockoper ist das Kabuki-Theater eine Art Gesamtkunstwerk, das von Tanz, Musik, Kostümen und Dramatik geprägt ist. Die Schauspieler des Kabuki-Theaters wurden vorwiegend durch deren Porträt-Holzschnitte, welche die Stars oft paarweise darstellten, populär.

Kalligrafie
Im Fernen Osten wurde die Kalligrafie als gleichwertige Schwesterkunst neben der Malerei betrieben. Sowohl in der Kalligrafie als auch in der Tuschmalerei geben die Striche die Spur der Pinselbewegung und damit getreu den Akt des Schreibens/Zeichnens wieder. Paul Klee äusserte sich während seiner Lehrtätigkeit an der Kunstakademie in Düsseldorf um 1931 zur Kalligrafie: «Die Malerei gilt ja nach dem Vorbilde Chinas nicht als eine Technik, als ein Handwerk, sondern ist durchaus der Kalligraphie gleichgestellt. Das Wesen der Kalligraphie besteht nach chinesischen Begriffen nicht etwa in der Sauberkeit und Gleichmässigkeit der Handschrift, die leicht zur Erstarrung führen kann, sondern wohl darin, dass man das, was man auszudrücken hat, in möglichster Vollkommenheit, aber mit dem geringsten Aufwand an Mitteln darstellt.»

(Zen-)Buddhismus
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz Ende 1933 setzte sich Klee mit der Weltanschauung des Buddhismus auseinander. So las er in seinem «Exil» in Bern das Buch Die Grosse Befreiung – Einführung in den Zen-Buddhismus von Daisetz Teitaro Suzuki. Sein zeichnerischer Zyklus zu den «Urchsen» ist eine Reaktion auf ‹die zehn Ochsenbilder›, die in Suzukis Buch illustriert sind. Bereits während seiner Zeit am Bauhaus in Weimar wurde Klees Wesen mit einer buddhistischen Haltung in Verbindung gebracht. Der Schriftsteller Bruno Adler erinnerte sich: «Die Studierenden verehrten den Meister, den sie gern ‹Buddha› nannten, hoch, ebenso die Kollegen. Kandinsky, Feininger, Schlemmer respektierten ihn als die höchste Instanz in allen Streitfragen.»

Paul Klees Rezeption im heutigen Japan
Die Wirkungsgeschichte von Paul Klees Kunst setzte in Japan bereits 1913 mit einem Zeitungsbericht über die Ausstellung Erster Deutscher Herbstsalon in der Galerie Der Sturm, Berlin ein. Vor dem Zweiten Weltkrieg galt Klee in Japan als kultureller Vermittler zwischen der japanischen Tradition und der westlichen Moderne. Dank des unermüdlichen Einsatzes japanischer Schriftsteller, Kunstsammler und Künstler erfuhr Klee in der Nachkriegszeit eine Neubewertung und gelangte zu grosser Bekanntheit.

Nach wie vor setzen sich Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Kunstbereiche – Musik, Dichtung, Literatur, Architektur, Comic, bildende Kunst – mit dem Schaffen von Klee auseinander. Seine künstlerische Haltung, Ästhetik und sein Denken gaben einigen Protagonisten verschiedener Kunstsparten wichtige Impulse für ihr eigenes kreatives Tun. Die in der Ausstellung vorgestellten Beispiele verdeutlichen, dass die vielseitige Kunstwelt Klees über einzelne Kunstgattungen hinaus Kunstschaffende anspricht. Insbesondere führt die bildende Künstlerin Leiko Ikemura einen zeichnerischen, malerischen und dichterischen Dialog mit Klee in einer packenden Installation. Ebenso populär ist Klee heute bei einem breiten japanischen Publikum, das sich von Klees Ästhetik angesprochen fühlt. Ob Klees Nähe zur japanischen Tradition oder seine eigenständige Position in der westlichen Kunst für diese Faszination verantwortlich ist, kann nicht eindeutig beantwortet werden.

Programm November bis Januar